Ein neuer Papst, der CV-Vorort liegt in Rom und es findet ein Heiliges Jahr statt. Die Anlässe für das Seminar der Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Studentenverbände (AGV) hätten nicht besser fallen können. Alle zwei Jahre treffen sich die Vororte des CV, KV und UV sowie das Ringpräsidium des RKDB gemeinsam mit dem Vorstand der AGV in Rom, um neben politischen Themen insbesondere Einblicke in das Zentrum der katholischen Kirche zu erhalten. Unter dem Motto „Heiliges Jahr, neuer Papst – Hoffnung für eine Welt im Umbruch?” fand das Dialogseminar statt.
Im ARD-Studio in Rom berichteten Tilman Kleinjung und Verena Schälter zunächst über die Vorbereitungen für den Tag, an dem ein Papst verstirbt, sowie über die hektischen Wochen danach, in denen das Konklave vorbereitet wird. Sie stellten eine überdurchschnittliche Aufmerksamkeit für das Konklave von Menschen aller Konfessionen fest und berichteten von den Erwartungen an den neuen Papst. Das Gespräch mit Dr. Peter Klasvogt, dem neuen Rektor des Campo Santo Teutonico, setze dort fort. Er ordnete die ersten Monate des neuen Papstes ein, der als Generalprior des Augustinerordens stets großen Wert auf das Zuhören gelegt hat: „Er will wissen, wie es vor Ort läuft.“ Mit dem vor kurzem veröffentlichten Schreiben „Dilexi te“ setzte er zunächst die inhaltliche Ausrichtung von Papst Franziskus fort. In diesem Zusammenhang sprachen wir auch über die Absolutheit von Aussagen des Papstes, wie beispielsweise „Diese Wirtschaft tötet.“, die stets im Kontext eines jeden Papstes betrachtet werden müssten.

Die AGV mit Dr. Klasvogt auf dem Dach des Campo Santo Instituts.
Bereits in Papst Leos ersten Worten nach der Wahl, „Der Friede sei mit euch“, stehe ein Leitmotiv seines Pontifikats. Über die Kapazitäten als Friedensvermittler und „geopolitische Wissensmaschine“ sprachen wir mit Prof. Dr. Martin Selmayr, dem EU-Botschafter am Heiligen Stuhl. Dank seines weltweiten Netzwerks an Nuntiaturen verfügt der Vatikan über eine einzigartige Informationsbasis. So kann er in zahlreichen Konflikten weltweit friedensstiftend tätig werden und, wenn von beiden Konfliktparteien gewünscht, als Vermittler auftreten.
Der Präfekt des Dikasteriums für Kommunikation, Dr. Paolo Ruffini, erläuterte die Herausforderung, päpstliche Botschaften weltweit kohärent zu vermitteln. Nach der Zusammenführung mehrerer Medienabteilungen spreche der Vatikan nun heute „mit einer Stimme“, trotz der Vielfalt an Sprachen und Kulturen.
Über den Zustand unseres Glaubens sprach Gernot Wisser SJ (Am), Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum. Er berichtete über die Ausbildung angehender Priester im Priesterseminar in Rom, in dem rund 20 Nationalitäten vertreten sind, und die unterschiedlichen Herausforderungen, die eine solche Mischung auch in der Ausbildung mit sich bringt. Wisser unterschied zwischen einer Krise der Kirche und einer Krise des Glaubens: Wenn der Glaube selbst schwinde, nützten Strukturreformen wie z.B. eine Frauenpriesterweihe nichts. Der Glaube an Jesus Christus und den dreifaltigen Gott müsse stattdessen stärker in den Vordergrund gerückt werden.
Es war eine besondere Ehre, den Präfekten des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen, Kurt Kardinal Koch, zu treffen. Es wurde deutlich, wie mühsam, aber auch notwendig die Annäherung der christlichen Kirchen ist. In Deutschland sehe er gerade bei den Themen Familie, Ehe, Gender und Bioethik große Differenzen zur evangelischen Kirche. Trotzdem sei das Ziel, Trennendes zu überwinden.
Neben der kirchlichen Politik kam aber auch die weltliche nicht zu kurz. Jonatan Weinberg, Leiter der Politischen Abteilung in der Deutschen Botschaft, hob hervor, dass die deutsch-italienischen Beziehungen derzeit so eng wie lange seien wie lange nicht mehr. Die Regierung Meloni verfolge eine pragmatische Politik und suche insbesondere in der Ukraine-Politik eine abgestimmte Haltung zur EU. Die italienische Opposition zerstreite sich gerade über außenpolitische Themen. Auch wirtschaftlich entwickle sich das Land positiv: Die Arbeitslosigkeit sei so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Zugleich bleibe der Brain-Drain junger Fachkräfte eine Herausforderung. Auf die Frage, was Deutschland von Italien lernen könne, antwortete Weinberg mit einem Schmunzeln: „Pünktliche Züge, schnelles Internet – und besseres Essen.“
Einen stärken Blick auf die Opposition warfen wir mit Dr. Michael Braun, Programmdirektor der Friedrich Ebert Stiftung Rom. Er berichtete über die Spaltung der linken Parteien, die sich im Gegensatz zu den Rechten nicht auf ein Wahlbündnis einigen konnten, um bei den direkt gewählten Parlamentssitzen voneinander zu profitieren. Er vermutet jedoch, dass es bei der nächsten Wahl zu einem linken Zusammenkommen kommen werde. Bei der Partito Democratico sieht Braun eine Entwicklung wie bei anderen europäischen sozialdemokratischen Parteien: Die klassische Arbeiterschaft wendet sich den rechten Parteien zu, während die Sozialdemokratie zu einer gut situierten bürgerlichen Partei mutiert. Der Partei Melonis, den Fratelli d’Italia, unterstellte er, im Kern noch faschistisch zu sein, obwohl sie sich in ihrer Politik gewandelt hätten und dies nicht mehr direkt zu erkennen sei.

Neben den Gesprächen über den Glauben blieb auch Zeit für den Glauben selbst, bspw. bei einer Messe in einer Kapelle des Petersdoms mit Dr. Manfred Bauer (F-Rt) oder beim Austausch über die ehrenamtliche Arbeit mit dem Großhospitalier des Malteserordens, General a.D. Josef Blotz. Er zeigte uns die imposante Magistralvilla des Malteserordens und berichtete über seine beeindruckende Arbeit für Bedürftige.
Zum Abschluss des Seminars gab Dr. Konrad Ackermann (Rup), Kirchenanwalt an der Rota Romana, einen Einblick in die kirchliche Gerichtsbarkeit. Er zeigte, welche Bedeutung das Kirchenrecht im Alltag hat, wie etwa in Fragen der Ehe, Disziplin und der kirchlichen Verwaltung.
Nach vier Tagen des intensiven Austauschs mit Theologen, Diplomaten, Journalisten und Politikbeobachtern bleibt bei den Seminarteilnehmern ein positiver Eindruck zurück. Während vor zwei Jahren noch eher Sorge um die Zukunft vorherrschte, versprüht der neue Papst nun Hoffnung, wenngleich noch nicht eindeutig klar ist, welche Richtung sein Pontifikat nehmen wird. Der offene Austausch über den Glauben und seine Bedeutung für unser tägliches Handeln verlieh dem Seminar seine besondere Tiefe. Rom zeigte einmal mehr: Hoffnung entsteht dort, wo Menschen miteinander sprechen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Und das beginnt ganz konkret in unseren Verbindungen vor Ort.
Text: Matthias Lehmann, Fotos: Philipp van Gels