Salzburger Hochschulwoche 2025

Die diesjährige Salzburger Hochschulwoche SHW vom 3. bis 9. August widmete sich der Identitätsfrage aus verschiedenen Perspektiven, u.a. Religion, Politik, Soziologie, denn Identität kann zur Superkraft werden, wenn sie, wie es der Obmann der SHW Prof. Dr. Martin Dürnberger beschreibt, befähigt, mit den diversen Herausforderungen und Brüchen im Leben umzugehen, sie kann aber auch zur Problemzone mutieren, wenn sie andere und anderes abwertet, ablehnt und ausschließt.

Zu der je eigenen, einzigartigen Identität des Menschen mit seiner Seele gehöre im Christentum zum Menschen auch noch die Eigenschaft als soziales Wesen. Die menschliche Identität hänge daher immer auch mit der Beziehung zu seinen Mitmenschen zusammen, so der Erzbischof von Salzburg und Präsident der SHW Dr. Franz Lackner in seiner Eröffnungsrede.    
Für die Salzburger Dogmatik Professorin Dr. Franca Spies besteht die katholische Identität in einer dialogischen Offenheit, denn es gebe „keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht“. Sie nannte etwa die Anerkennung eines universalen Heilswillen Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele; das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit sowie der Einsatz für soziale Gerechtigkeit bzw. das Gemeinwohl.

  Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz

In seiner Festansprache zum Abschluss der SHW warnte der Erzbischof von Paderborn, Dr. Udo Markus Bentz, vor Abschottung und Besitzstandsdenken: „Eine solche, sich abgrenzend verstehende kirchliche Identität findet Resonanz und Inspiration in politisch identitären Bewegungen.“ Vielmehr bedeute christliche Identität in einer pluralen Gesellschaft daher: „präsent sein, ohne zu vereinnahmen; Zeugnis geben, ohne zu zwingen; die eigene Hoffnung bekennen, ohne die Freiheit anderer zu bedrohen; sprechen, ohne andere zu übertönen; widersprechen, ohne zu zerstören; einladen, ohne zu vereinnahmen.“

Der Berliner Soziologe Prof. Dr. Andreas Reckwitz erschloss das Thema Identität entlang der Leitidee der veränderten und komplexen Bedeutung des Erbbegriffs. War die klassische Moderne noch von einem ungebremsten Fortschrittsoptimismus geprägt, in dem die Idee eines gesellschaftlichen wie individuellen Erbes nur dann aufschien, wenn dieses Erbe der zukünftigen Entfaltung diente, so trete seit den 1970er Jahren und der Phase der Spätmoderne immer stärker die Last des Erbens in den Fokus. Angesichts der Konzentration auf negative Erbschaften, u.a. Klimakrise, Schuldenkrise, sei es wichtig, auch Aspekte eines „Positiv-Erbes“ neu wahrzunehmen. Dazu gehörten laut Reckwitz das reichhaltige kulturelle Erbe („cultural heritage“) ebenso wie institutionelle und infrastrukturelle Selbstverständlichkeiten, deren Wert heute neu erkannt werden sollte, u.a. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur, Ökonomie – letztlich Dinge, die heute das „Rückgrat des modernen Lebens darstellen.

Fragen der „moralischen Identität“ standen im Fokus des Hochschulwochen-Vortrags der Freiburger Psychologin Dr.  Isabel Thielmann. Dabei erläuterte sie, warum Menschen sich selbst meist als moralischer einschätzen als andere – und wie sie trotz fragwürdigen Verhaltens an diesem positiven Selbstbild festhalten bzw. welche Strategien sie nutzen, um mit dem Graben zwischen moralischem Selbstanspruch bzw. Selbstbild und der Realität umzugehen.

v.l. Obmann Prof. Dr. Martin Dürnberger, Dr. Isabel Thielmann, Prof. Dr. Reinhard Heinisch

Donald Trump geht vorbei, der Trumpismus wird bleiben!

Diese These vertrat der international renommierte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Heinisch, der neben der österreichischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Er schilderte das Netzwerk und die bis ins frühe 19. Jahrhundert reichende Vorgeschichte des amerikanischen Populismus, der letztlich auf Präsident Andrew Jackson (1767-1845) zurückgehe, „den Trump des 19. Jahrhunderts“, weiter über die Tea-Party bis zur MAGA-Bewegung. Ziel dieser sei ein vollständiger Systemwechsel hin zu einer illiberalen Demokratie, um eine neue Politik des Ausnahmezustandes, des Autoritarismus, Anti-Liberalismus und einer klaren hierarchischen Ordnung, bei der auch Religion und Rasse eine Rolle spielen, zu installieren: „Die Bewegung hinter Trump verfolgt einen klaren, umfassenden Plan, der sich eine Basisbewegung zu eigen macht, Ideologie und Mythologie benutzt, die Übernahme staatlicher Institutionen anvisiert und einem klaren Führer-Prinzip folgt.“

Sollte dies gelingen, werde dies auch in Europa nicht folgenlos bleiben. Zugleich sollte man sich in Europa nicht der Hoffnung hingeben, dass mit einer Abwahl Trumps auch die hinter ihm stehende Bewegung enden wird: „Die USA werden auch künftig dysfunktional bleiben, weil der Trumpismus größer ist als Trump“.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Eine neue, vom Nächsten ausgehende Theorie sinnvollen Lebens hat der Bonner christliche Philosoph Michael Zichy vorgestellt. Bisherige Antwortversuche aus der Philosophiegeschichte seien weitgehend unbefriedigend geblieben bzw. würden mit zu vielen Einwänden konfrontiert. Er setze dagegen auf eine „Teilhabetheorie“, d. h. auf eine Sinnstiftung, die vor allem darin besteht, „anderen Menschen wichtig zu sein“. Sinn werde erfahren, wo man sich von anderen geliebt empfinde, ohne instrumentalisiert zu werden, so Zichy.

Insgesamt würden bei einer gelingenden Form der Sinnstiftung bzw. des als sinnvoll erlebten Lebens dreierlei zusammenkommen: Die Befriedigung eigener Wünsche, sinnstiftende Tätigkeiten wie das Streben nach dem Wahren, Schönen und Guten sowie eben das Verhältnis zum Nächsten. Zusammenführen lasse sich diese Sinntheorie in der Formulierung bzw. im Rat: „Lass andere in positiver Weise an Deinem Leben teilhaben. Achte insbesondere darauf, dass Du einige tiefe zwischenmenschliche Beziehungen hast, in denen Du anderen, die Dir am Herzen liegen, aus den richtigen Gründen um Deiner selbst willen wichtig bist. Bemühe Dich darüber hinaus so um objektiv Wertvolles – um Wahrheit, Schönes und Gutes -, dass Du darin zur Geltung kommst und es möglichst anderen zugutekommt.“

Verleihung des Theologischen Preises für ein Lebenswerk


Prof. Dr. Martha Zechmeister

Mit dem Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen 2026 für ein Lebenswerk wurde die aus Österreich stammende Ordensfrau und Theologin Martha Zechmeister ausgezeichnet. Zechmeister sei eine „profunde Vermittlerin und Fürsprecherin der lateinamerikanischen Befreiungstheologie“, die die „Option für die Armen“ sowohl in der Theoriebildung als auch in der Praxis vorantreibe, hieß es in der Begründung der Jury, aus der der Obmann der Hochschulwochen, Prof. Dr. Martin Dürnberger, bei der Verleihung zitierte. Als Vertreterin einer „Mystik der offenen Augen“ stehe sie für einen „hellwachen Blick auf die bedrängenden Realitäten“ und für das „befreiende Potenzial der Botschaft Jesu“.

Die Salzburger Hochschulwochen 2027 finden vom 2.-8. August statt und widmen sich dem Thema: „Alles auf Anfang?! Die Kunst des Neubeginns“.
Einen Neubeginn wird es in jedem Fall ab 2028 geben, denn Prof. Dr. Martin Dürnberger wird das Amt des Obmanns der Salzburger Hochschulwoche nach der Veranstaltung in neue Hände übergeben.

                                                     Fotos: Dr. Henning Klingen, Text: Dr. Henning Klingen, Manfred Speck